Ehre, Anstand und Gewissen sind egoistische Geschenke. Es sind Geschenke eines jeden Menschen an sich selbst. Dieser sehr richtige Gedanke lässt sich ohne weiteres auch auf alle Gruppierungen von Menschen erweitern. Die Frage lautet daher, in was für einer Gesellschaft möchte ich in Deutschland leben?

Ich denke, dass jeder normale Mensch an dieser Stelle sofort antworten wird, dass diese drei Tugenden auf jeden Fall dazu gehören. Wenn dem so ist, dann sollten wir unseren inneren Kompass danach auch ausrichten und ein entsprechendes Handeln des Staates einfordern. Dass der Kompass bei sehr vielen Themen mittlerweile eine ausgesprochene Missweisung aufweist ist sattsam bekannt. In diesem speziellen Fall jedoch werden wir alle Weltweit in Sippenhaft genommen werden.

Hier  reden wir davon, dass große Teile der Bundeswehr nach 12 Jahren aus Afghanistan abziehen werden. Dies wird die Mehrheit unserer Gesellschaft positiv aufnehmen. Was ist jedoch mit den Menschen, die 12 Jahre lang unser Agieren in Afghanistan erst möglich gemacht haben?

Es ist richtig, dass sie dafür für afghanische Verhältnisse recht gut entlohnt wurden. Genau so wahr ist allerdings auch, dass es Deutschland nur einen Bruchteil dessen gekostet hat, was westlichen Zivilisten hätte dafür gezahlt werden müssen. Als unbezahlbaren Bonus dazu noch einen Angestellten, der Sitten und Gebräuche der Einheimischen kannte und daher schwere kulturelle Fehler im Umgang mit diesen vermeiden konnte. Wer von uns wüsste schon, dass man beim Sitzen darauf achten muss, dass der Gegenüber nicht die Fußsohlen sehen darf, da dies in Afghanistan eine Beleidigung des Gastgebers darstellt?

Diese Menschen haben also den Versprechungen der Petersberger Konferenz vertraut und versucht uns zu helfen in Afghanistan eine Zivilgesellschaft unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten aufzubauen. Dies haben sie unter Verhältnissen getan, welche die meisten von uns zur sofortigen Flucht veranlasst hätten. Unter ständiger Bedrohung ihres Lebens wenn sie die Aufbauteams begleiteten. Drohungen gegen und teilweise Verlust von Familienangehörigen durch Mordanschläge von Aufständischen. Darüber berichtet hier keine Zeitung, da der Tod einzelner in Afghanistan nicht ins Gewicht fällt und hiesigen Medien auch vollkommen egal ist, sofern damit keine tolle Schlagzeile verbunden ist.

Der Westen ist also gescheitert und zieht ab. Einheimische Kräfte dürfen nach Maßgabe der Bundesregierung nur in Deutschland einreisen, wenn sie eine akute Bedrohung ihres Lebens oder von nahen Angehörigen nachweisen können. Das sind derzeit Fälle im untersten zweistelligen Bereich. Wir lassen sie also weitestgehend im Stich.

Ehre, Anstand und Gewissen. Als Deutscher schäme ich mich zutiefst ob dieser unmenschlichen, technokratischen und vor allem kurzsichtigen und undankbaren Haltung. Jeder dieser Menschen hat es sich in den letzten 12 Jahren verdient, dass wir ihnen aus Anstand und Gewissen eine Zukunftsperspektive geben. Jeder von ihnen hat im Zweifelsfalle unter dem Einsatz seines Lebens mehr für die Bundesrepublik Deutschland geleistet, als die meisten unserer Mitbürger. Ich appelliere daher an jeden von Ihnen, seinen Wahlkreiskandidaten zu befragen, wo er in dieser Sache steht.

Eine meiner Initiativen im Bundestag wird sein, dass eine entsprechende Regelung getroffen wird, dass diese Menschen ohne Auflagen einreisen dürfen und sich hier dauerhaft eine Existenz aufbauen können. Geben wir dem Ansehen  unserer Versprechen in der Außenpolitik wieder mehr Gewicht, denn ohne einheimische Mitarbeiter werden wir mit unseren Projekten scheitern. Zeigen wir, dass wenn wir unsere Zielen in anderen Ländern nicht erreichen, wir zumindest Fürsorgeverhalten gegenüber den Menschen zeigen, welche für uns gearbeitet haben. Beschenken wir uns also selbst und geben unserer Glaubwürdigkeit in der Welt gleichzeitig wieder mehr Gewicht

Was denkst du?